Interview mit Frau Dr. Fennen im Allgäuer Anzeigeblatt

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Seit fast einem Jahr leben wir inzwischen mit dem Corona-Virus und den damit verbundenen Einschränkungen. Welche Folgen hat das für die Menschen?

Ursula Fennen: Seit Februar 2020 sehen wir alle mehr oder weniger sprach- und hilflos zu, wie eine schier mittelalterliche Seuche unsere Gesellschaft, Volkswirtschaft, Kultur und Konvention zersetzt. Anstand, Würde, Stil, Eleganz, Klugheit, Augenmaß und Menschlichkeit ringen mit Auflagen, Durchgriffen und der eigenen, ganz persönlichen Geschichte. Die Corona-Pandemie hat Besitz ergriffen von unserem Denken, unseren Gesprächen, unserem Fühlen, unserer Art, einander zu begegnen und sich mit uns selber zu beschäftigen.

Was macht die Situation mit der Psyche der Menschen?

Fennen: Sigmund Freuds Ziel der Psychoanalyse war, dass „das Ich wieder Herr im eigenen Hause werde“. Davon sind wir aktuell weit entfernt. In unserem inneren und äußeren Zuhause herrscht Corona. Kopfschüttelnd sehen wir ideologisierende Spaltung und hören neben irritierenden Botschaften neuer Mutationen zunehmend laute Botschaften von Durchhalten und Hoffen, geknüpft an den kommenden Frühling, Sommer und Impfung. Aber wissen wir denn wirklich etwas?

Helfen verbreiteter Optimismus und Durchhalteparolen?

Fennen: Wenn wir zu Zwangsoptimismus verpflichtet werden, werden wir unserer Individualität enteignet, unserer Gefühle, eines Teils unserer Geschichte. Wir werden traumatisiert, weil uns die Epidemie ebenso irritiert wie der Umgang damit, die behördlichen Maßnahmen und die Einstellung des Partners, Freunds oder Nachbarn. Jedes Gefühl, das auf die eigene Beschaffenheit und Lebensgeschichte zurückzuführen wäre, wird übergangen. Es soll aufgehen in einer großen, gemeinsamen Lösung des Hoffens, des Vergessens, der Relativierung angesichts der großartigen wissenschaftlichen und gesundheitsökonomischen Leistung der Entdeckung des Impfstoffs und der Durchimpfung der Bevölkerung. Die eigene Irritation, Traumatisierung, Schuld, die ich in dieser Zeit vielleicht auf mich lade, weil ich Regeln einmal nicht einhalte oder einen Nachbarn bespitzele, mögen bitte rasch mit dem Virus verschwinden – so die Hoffnung.

Ist diese Hoffnung berechtigt?

Fennen: Das hat schon früher, wenn auch in völlig anderen historischen Situationen, nicht geklappt und böse Folgen gehabt: die vergewaltigten Frauen auf der Flucht vor den Russen und die narzisstisch sprachlosen Kriegskinder, die ehemaligen Nazis in der jungen BRD und deren Kinder in der RAF. Wir können verdrängen, aber die Wiedergänger der Albträume holen uns ein.

Sie glauben also nicht, dass man die Krise als Chance begreifen sollte, wie jetzt vielerorts zu hören ist?

Fennen: Die Perversion des kollektiven, selbstvergessenen, hilflos verordneten Optimismus hören Sie im Radio, wenn morgens früh der Moderator fröhliche Meldungen entgegennimmt, was die Krise denn für den Einzelnen oder in der Familie Gutes bewirkt habe: Ja, man verbringe wieder mehr Zeit mit den Kindern, man koche wieder selber, man sei dankbar für einen netten Anruf, man sei ruhiger und bedächtiger geworden, man spiele wieder miteinander. Das ist Corona-Biedermeier, der Rückzug ins Häusliche angesichts einer im Außen bedrohlichen, nicht verstehbaren, nicht beherrschbaren Welt. Die Romantisierung der eigenen angesichts einer globalen Hilflosigkeit, vielleicht dekoriert mit einem karitativen Plätzchenbacken für das lokale Altenheim. Adorno sagte in einem anderen, natürlich viel gravierenderen Zusammenhang: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“.

Was ist damit gemeint?

Fennen: Wir dürfen nicht genau das versuchen: Ein richtiges Leben im derzeit falschen zu führen und einfach irgendwie weitermachen und auf Besserung hoffen. Vielmehr sollten wir die Chance ergreifen und in den Abgrund unserer Persönlichkeit, unserer Angst, unserer Scham und unserer Peinlichkeit zu gehen. Jeder sollte sich mit dem Abgrund seines Misstrauens, seiner Einsamkeit und seines subjektiven Erlebens von Bedrohung und Vergänglichkeit auseinandersetzen. Es reicht nicht, zu sagen: Bei den anderen ist es viel schlimmer, stell dich nicht so an.

Nutzen die Menschen diese Chance?

Fennen: Leider nehmen diese Chance derzeit nur meine Patienten (in der Fachklinik Hirtenstein für Suchtkranke, Anmerkung der Redaktion) wahr, die angesichts der Krise ihr sowieso mühsames Leben nicht mehr fortführen können. Es wäre aber angeraten, diese Chance als individuelle, gesellschaftliche, ethische, theologische und auch volkswirtschaftliche zu sehen und zu nutzen, anstelle der Katastrophe überregulierend hinterherzulaufen und profanes Heil zu versprechen, ohne den Ausgang zu kennen.

Was kann der Einzelne tun?

Fennen: Wir wären robuster, würden wir uns besser kennenlernen, dann fühlte es sich derzeit nicht „falsch“ und als hoffentlich bald endender Übergang an, sondern diese Krise wäre unser richtiges Leben in unserer jetzt absolut richtigen Zeit. Es geht um nichts weniger als um unsere Würde, Kultur, Zivilisiertheit, um Anstand, Stil, Großzügigkeit, Rücksicht, Freundlichkeit und Haltung. Würde ist kein Synonym für Überleben.