Wenn Vertrauen und Mut zurückkehren

Wenn Vertrauen und Mut zurückkehren

Gesundheit In der Fachklinik Hirtenstein gibt es seit Mai tiergestützte Therapie für Suchtkranke. Wie wichtig die Arbeit mit den Pferden für die Patienten ist, und wie sie auf den Alltag vorbereitet werden

Bolsterlang – Björn ist schon oft enttäuscht worden. „Ich habe das Vertrauen in viele Menschen verloren“, sagt der 35-Jährige, während er mit einer Bürste durch die Mähne von Haflinger „Silas“ fährt. „Bei der Arbeit mit den Pferden bekomme ich wieder Selbstvertrauen“, berichtet Lars (56). Und Arno (46) hat wieder gelernt, „auf andere zuzugehen und Nähe zuzulassen“. Die drei sind Patienten der Fachklinik Hirtenstein für Suchtkranke. Sie gehören zu den rund 1,7 Millionen Männern und Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren, die hierzulande alkoholabhängig sind. Das Trio nimmt an der tiergestützten Therapie teil, die seit Mitte Mai von Therapeutin Heidi Rimmel in Hirtenstein angeboten wird. Die gelernte Krankenschwester besitzt einen kleinen Pferdestall oberhalb der Klinik und hat sich zum pferdegestützten Coach ausbilden lassen.

„Die Indikation zur tiergestützten Therapie mit Pferden bei Suchtkranken liegt in der Stärkung des Selbstwertgefühls, im Kennenlernen und Zulassen von Gefühlen, Überwinden von Ängsten und im nonverbalen Zugang zu Gefühlen“, sagt Dr. Ursula Fennen. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie sowie Psychotherapie und Chefärztin der Einrichtung in Hirtenstein. Durch die Fürsorge für das Tier erlernen die Patienten Selbstfürsorge, die oft jahrelang zu kurz gekommen ist. Sie lernen, nonverbale Signale zu deuten, werden achtsam, erfahren Nähe und Distanz mit einem selbstbestimmten Gegenüber sowie Harmonie und Entspannung, erläutert die Klinik-Chefin. Die Therapie trage auch dazu bei, „dass die Patienten mit sich selbst wieder liebevoller umgehen“. All diese Aspekte fließen in die Psychotherapie-Sitzungen mit den Patienten ein, betont Dr. Fennen.

Ein Pferd reagiere physiologisch auf Herzschlag und -frequenz eines Menschen. „Es passt instinktiv sein Verhalten Sorgen, Ängsten und Gefühlen an, die nicht weiter verbalisiert, sondern nur über körperlichen Ausdruck des Menschen mitgeteilt werden. Dadurch erlebe der Mensch unmittelbar Resonanz, Beruhigung, Trost, aber auch das Erfolgserlebnis einer gelungenen Interaktion sowie Selbstbewusstsein durch Führen des Tiers. Die Kontrolle des Tiers durch den Menschen erleichtere den Weg zur Selbstkontrolle. „Die Bewegung mit dem Pferd löst Emotionen aus“, sagt Therapeutin Heidi Rimmel. „Die Patienten werden ruhig, entspannt und selbstsicher.“ Bei der Arbeit mit einem Pferd hätten sie es mit einem Partner zu tun, der nicht wertet. „Ein Pferd spürt, wenn ich nervös und aufgeregt bin. Es ist der Spiegel der menschlichen Seele. Ich bin als Therapeutin Türöffner für Angst und Trauer der Patienten“, erläutert die 53-Jährige. Ihre Schützlinge würden bei der tiergestützten Therapie unter anderem den Grund für ihre Abhängigkeit vom Alkohol erfahren.

In der Natur statt in der Kneipe

Außerdem viel über die Natur bei den Spaziergängen mit den Pferden in die Umgebung lernen, statt allein zu Hause oder in der Kneipe zu sitzen. „Ein plätschernder Bach und zwitschernde Vögel bringen Lebensfreude zurück und erzeugen Zufriedenheit. Dadurch werden Patienten dankbarer und achtsamer“, sagt Rimmel. Sie begleitet die Gruppe durch einen kleinen Parcours neben ihrem Pferdestall. Dort müssen die alkoholabhängigen Männer mit ihren Tieren über eine fünf Meter lange und einen Meter breite Matte laufen, die Pferde im Slalom durch hintereinander aufgestellte Kegel führen und über 40 Zentimeter hohe Plastikstangen steigen. „Dabei gilt es Probleme mit der richtigen Strategie zu lösen, sich die nötige Zeit zu lassen, Selbstvertrauen zu gewinnen und sich durchzusetzen. Dinge, die im Alltag wichtig sind“, erläutert Rimmel.

„Ich hatte viel Stress, war sehr traurig und enttäuscht, bevor ich in die Klinik kam“, erzählt Lars. Die Therapie gebe ihm wieder Vertrauen sowie Lebensfreude. „Und ich nehme mich wieder mehr wahr“, sagt der 56-Jährige. Die Arbeit mit den Pferden sei sehr wertvoll für ihn. „Ich habe in den letzten Jahren niemanden an mich rangelassen“, berichtet Arno. „Jetzt habe ich wieder Mut, auf Menschen zuzugehen und sie anzusprechen.“